“Ich kenne die Liga sehr gut und bringe meine Meinung ein!” – Enosch Wolf im großen Interview

09 Apr 2019

Enosch Wolf ist derzeit der einzige Spieler der Tigers Tübingen, der auch in der Saison 2019/2020 einen Vertrag bei den Raubkatzen besitzt. Wolf wechselte im vergangenen Sommer aus Hamburg nach Tübingen. In seiner ersten Saison bei den Tigers avancierte der Center schnell zum Leistungsträger. Doch nicht nur seine Leistungen auf dem Parkett haben dafür gesorgt, dass Wolf in nur einer Sais0n auch zu einem echten Sympathieträger geworden ist. Im Interview zieht der Tübinger Kapitän unter anderem ein Fazit der Saison und wirft zudem einen Blick in die Zukunft.

Enosch, nach der Hauptrunde belegen die Tigers den neunten Tabellenplatz. Die Playoffs verpasst und das Minimalziel nicht erreicht. Wie lautet dein Fazit der Saison?

Natürlich ist die Saison nicht so verlaufen, wie wir uns das alle vorgestellt haben. Ich denke, wir hatten alle höhere Erwartungen. Zumindest das Erreichen der Playoffs war eigentlich fest eingeplant. Trotzdem denke ich, dass wir es in den letzten Wochen noch geschafft haben, die Saison versöhnlich zu beenden. Wir haben nach der enttäuschenden Hinrunde gezeigt, dass wir zu weitaus mehr in der Lage sind und guten aber vor allem auch erfolgreichen Basketball spielen können. Man muss jetzt aber auch nichts schönreden! Es hat an ein paar Enden gefehlt, vor allem defensiv. Und das ist der Grund, dass wir nur auf dem neunten Tabellenplatz gelandet sind. Dennoch war es für uns und auch die Fans nochmal wichtig, dass wir 2019 noch eine gute Zeit hatten, die Halle wurde voller, die Stimmung immer besser und die Ergebnisse haben bis auf wenige Ausnahmen auch gepasst. Der Spaß und die Freude, welche in der ersten Saisonhälfte verlorengegangen sind, sind auf jeden Fall zurückgekommen. Ich denke, das war nicht nur bei uns so, sondern auch bei den Fans.

Am Ende waren wir nochmal nahe an den Playoffs dran. Man kann sagen, dass zumindest der achte Platz durch die sehr knappen Niederlagen in Quakenbrück und gegen Karlsruhe verpasst wurde. Aber ist das nicht nur eine gefühlte Wahrheit?

Klar, hätten wir diese beiden Spiele gewonnen, wären wir jetzt mindesten auf dem achten Platz. Aber es ist auch einfach so, dass wir die Playoffs eigentlich schon viel früher aus der Hand gegeben haben. Das ist ja wie bei der Niederlage gegen Artland. Wir führen da mit 16 Punkten, am Ende entscheidet der letzte Angriff. Da kann man natürlich sagen, wir haben das verloren, weil wir den letzten Angriff schlecht gespielt haben. Aber die Realität ist, dass wir das Spiel schon früher verloren haben und nicht erst in den letzten fünf Sekunden. Es gibt immer diese entscheidenden Spiele oder diese eine entscheidende Szene in einem Spiel. Aber man verliert ein Spiel nicht wegen einer einzigen Situation und man verpasst die Playoffs in den meisten Fällen auch nicht nur wegen einem oder zwei Spielen. Wir haben uns in der Hinrunde selbst in diese Situation gebracht und uns in der Rückrunde dann eigentlich keine Ausrutscher hätten leisten dürfen, die aber jedem Team passieren.

Was habt ihr in den letzten Monaten und auch nach dem Trainerwechsel anders gemacht?

Es waren eigentlich keine weltbewegenden Dinge. Denn auch zuvor hat meiner Meinung nach die Einstellung und Vorbereitung immer gestimmt. Wir haben uns unter Georg Kämpf aber nur noch auf unsere Stärken konzentriert. Jeder konnte ja sehen, dass wir defensiv nicht das Team waren, das wir sein wollten. Dazu hatten wir auch zu wenig Spieler im Kader, die ihre Stärken in der Defensive haben. Uns haben ein oder zwei Spezialisten für die Verteidigung gefehlt und das hat man auch gemerkt. Schorsch hat sich deshalb gar nicht groß mit unserer Schwäche beschäftigt, sondern sich auf unsere Stärken konzentriert. Und die lagen ganz klar in der Offensive. Wir haben die meisten Punkte in der BARMER 2. Basketball Bundesliga erzielt, waren bei den Wurfquoten Ligaspitze und auch bei den Assists ganz vorne dabei. Wir wissen alle, dass wenn man sich auf seine Stärken konzentriert und das dann mit Selbstvertrauen macht, wird das automatisch noch besser. Und das hat man gemerkt. Unsere Defensive war dadurch zwar nicht besser, aber wir haben dafür offensiv noch effektiver gespielt. Auch haben wir die Rotation etwas geändert. Dass Robertas [Grabauskas} mit mir zusammen gestartet ist, hat uns glaube ich gut getan. Aber auch, dass die Rotation insgesamt etwas kleiner gehalten wurde, war gut für unser Spiel.

Auch wenn die letzten Monate positiv waren. Solch eine Saison soll sich aber nicht wiederholen…

Da mache ich mir eigentlich gar keine Sorgen, dass das passieren könnte! Ich bin kein Fan davon, etwas schönzureden. Und deshalb finde ich es auch richtig, dass klare Worte gefunden werden. Man hat erkannt, welche Spielertypen gefehlt haben. Dass man auch in der Kaderzusammenstellung einen anderen Ansatz benötigt, um erfolgreich zu sein.

Man hat Fehler gemacht, was irgendwie auch klar ist, wenn man 14 Jahre am Stück in der ersten Liga unterwegs ist und dann in eine Liga kommt, die in bestimmten, aber entscheidenden Bereichen anders ist. Da ist es nach so einer langen Zeit nicht einfach, sich sofort anzupassen. Vor allem dann, wenn man nur den Sommer hat und das ganze Gerüst da schon stehen muss. Aber das entscheidende ist: Das Management hat daraus gelernt, hat die Fehler klar erkannt und geht diese auch sehr zielstrebig an. Ich spreche sehr viel mit Robert Wintermantel und bin deshalb sehr optimistisch, was die kommende Saison angeht! Ich bin mir sicher, dass die Saison 2019/2020 im positiven Sinn eine ganz andere werden wird.

Du bringst dich also auch selbst in die Planungen für die neue Saison ein?

Ja! Ich bin mindestens einmal in der Woche im Office und spreche ausführlich mit Robert [Wintermantel]. Da geht es nicht immer nur um Basketball, aber wir sprechen auch sehr viel über die neue Saison und befinden uns dabei auf einer Wellenlänge! Ich denke, ich kenne die Liga sehr gut und bringe meine Meinung ein oder gebe Feedback. Am Ende bin ich zwar auch nur Spieler und entscheiden müssen andere, aber wenn ich helfen kann, mache ich das gerne. Und vielleicht kann ich dann auch dabei helfen, den ein oder anderen Spieler von Tübingen zu überzeugen.

Du hast diesen „Lerneffekt“ angedeutet. Das ist natürlich nicht sofort nachvollziehbar. Den man könnte ja meinen, dass ein Absteiger aus der Bundesliga in der ProA eigentlich dominieren müsste. Warum ist das doch schwieriger, als man meinen könnte?

Es geht ja nicht einfach darum, dass Tübingen nur aus der BBL abgestiegen ist. Wenn man sich die Vereine anschaut, die sonst so absteigen, waren über die letzten 14 Jahre fast alle von diesen zwischenzeitlich immer wieder Teil der ProA. Tübingen hat hingegen 14 Jahre am Stück Bundesliga gespielt. Das können nur ganz wenige Teams von sich behaupten. Aber in dieser Zeit bekommt man die Entwicklung der unteren Liga nur am Rande mit. In einer solchen Konstellation kommt es dann zu Fehlern.

Gerade die Tatsache, dass immer zwei deutsche Spieler auf dem Feld stehen müssen, ist ein riesen Unterschied zur BBL. Das hört sich erstmal nicht so wild an, verändert das Spiel aber ungemein. Und die Auswirkungen dieser Regel kann man erst wirklich einschätzen, wenn man es tatsächlich mitgemacht hat. Als Tübingen zuletzt in der 2. Bundesliga war, gab es diese Regel noch nicht. Wenn man dann die Gewichtung zu sehr auf die ausländischen Spieler legt, was in der BBL funktioniert, wird das nicht einfacher. Zudem ist es gerade in der ProA viel schwerer, deutsche Spieler zu bekommen oder zum Wechsel zu motivieren, die einen weiterbringen. Da geht es nicht um die Rotation zu füllen, sondern das müssen Spieler sein, die eine Mannschaft tragen können. Viele deutsche Spieler entscheiden nach anderen Faktoren als in der BBL, da ist das Geld nicht unbedingt der wichtigste Faktor. Da spielen dann sehr viele persönliche Dinge eine Rolle, die etwas mehr auf dem Konto nicht ausgleichen können. Da ist dann der Wohlfühlfaktor wirklich entscheidend.

Aber gerade beim Wohlfühlfaktor kann man in Tübingen doch eigentlich profitieren?

Ja klar! Da bietet Tübingen so viel, wie kein anderer Verein in der ProA! Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Verein in der Liga, bei dem man sich als Spieler so wohlfühlen kann und wo sich so um einen gekümmert wird. Auch der Lebensstandard ist in Tübingen sehr hoch. Das beginnt bereits mit den Wohnungen, die hier einfach hochwertiger sind, oder wenn man neu ist, man sich in den ersten Tagen um nichts kümmern muss, weil einem schon alles vorbereitet wurde. Dann haben wir die Trainingshalle gleich hier neben dem Office, wir müssen unser Essen für die Auswärtsfahrten nicht selbst mitbringen, sondern werden um Bus versorgt. Das sind alles so Kleinigkeiten, die man so nicht überall vorfindet. Da merkt man einfach, dass Tübingen aus der Bundesliga kommt.

Diese Strukturen kosten aber auch Geld. Auch die Wohnungen hier sind nicht billig. Das muss jedem klar sein. Die Tigers haben sicherlich einen der stärksten Gesamtetats der ProA, aber es gibt viele Teams, die trotzdem mehr in ihren Kader stecken können. Aber gerade diese Strukturen machen Tübingen zu einem hervorragenden Standort. Einen Standort, der für die Spieler all das bietet, was ihnen neben dem Finanziellen wichtig ist. Vielleicht hat sich das in der ProA noch nicht ganz rumgesprochen, wo wir wieder bei dem Thema 14 Jahre BBL am Stück wären. Ich bin mir aber sicher, dass Tübingen davon für die kommende Saison profitieren wird. Aber auch so ist Tübingen einfach ein lebenswerter Ort! Ich finde, Tübingen ist eine superschöne Stadt mit einem tollen Flair. Jeder begegnet hier einem positiv und offen. Es ist einfach schön hier zu leben und ich persönlich finde mich hier auch pudelwohl.

Dass du dich hier sehr wohl fühlst, kann man auch an deinem Umgang mit den Fans sehen. Es gibt nicht viele Spieler, die so selbstverständliche auf die Fans zugehen.

Für mich ist das einfach normal. Da steckt auch kein Gedanke dahinter und ich muss mich dafür auch nicht irgendwie extra motivieren. Das hat sich einfach so entwickelt. Und das ging ja auch nicht nur von mir aus. Wenn jemand auf mich zukommt und mich anspricht, dann entgegne ich auch auf der gleichen Ebene und habe da auch keinen Grund, abgehoben zu sein. Am Anfang haben mich die Supporters mal gefragt, ob ich bei ihnen vorbeikommen will. Das habe ich gemacht und alle kennengelernt. Da wusste ich noch gar nicht, wie aktiv hier alle sind und wie enorm die Unterstützung bei den Spielen ist. Als ich dann auch noch gesehen habe, wie enorm die Unterstützung tatsächlich ist, was einfach extrem selten ist, hat mich das einfach mitgenommen. Und da sind natürlich die Supporters an erster Stelle, aber auch der Rest der Halle ist einfach ein unglaublicher Rückhalt. Da hat sich bei mir recht schnell eine große Dankbarkeit entwickelt und ich möchte dafür nicht nur auf dem Feld etwas zurückgeben. Und das ist nichts Übertriebenes, das ist meistens ein ganz normales miteinander reden. Wenn ich sehe, wie viel Zeit die Fans investieren, um uns und auch mich zu unterstützen, tut es doch kein bisschen weh, wenn ich auch Zeit mit den Fans verbringe. Das ist doch das mindeste, was ich tun kann.

Du hast persönlich eine sehr starke Saison gespielt. In Hamburg warst du zuletzt eher ein Rollenspieler, bei den Tigers Leistungsträger. Wie kam es dazu?

Das hat eigentlich alles mit Sasa [Aleksandar Nadjfeji, Anm. d. Red.] angefangen. Das war schon im ersten Gespräch, das ich mit ihm geführt habe. Da hat er mir gesagt, was er in mir sieht, dass ich die vier und fünf spielen kann, dass ich mobil bin. Dass ich mit dem Ball in der Hand kreieren kann und keiner bin, der nur den Block stellt, dann abrollt und den Ball reinmacht. Das hat mir von Beginn an ein gutes Gefühl gegeben. Dann habe ich mit Sasa bereits früh im Sommer angefangen, viel zu trainieren. Auch als er noch da war, haben wir während der Saison viel zusätzlich zusammen in der Halle gearbeitet, was sich bezahlt gemacht hat. Auch die Gespräch mit ihm und seine Erfahrung haben mir sehr geholfen. Dazu kam das Vertrauen, das ich von Beginn an bekommen habe. Das hat dazu geführt, dass sich mein Selbstvertrauen immer weiter gesteigert hat. Das ist das wichtigste für jeden Spieler! Je mehr du spielst, desto mehr Fehler kannst du machen und je mehr Fehler dir erlaubt werden, desto mehr kannst du aus diesen lernen. Und wenn man da dann mit einer reflektierenden Haltung rangeht, dann kann man nur besser werden. Das ist eigentlich relativ simpel und war hier der Fall. Ich habe das Vertrauen bekommen, ich habe gespielt, ich habe gut gespielt, das Vertrauen wurde belohnt, ich habe immer mehr gespielt und habe dann immer mehr Verantwortung auf dem Feld übertragen bekommen.

Was sind deine Wünsche für die kommende Saison?

Natürlich eine sportlich erfolgreichere Spielzeit, in der wir auf jeden Fall in die Playoffs kommen und uns darüber nicht den Kopf zerbrechen müssen. Ich wünsche mir eine auf dem Feld homogenere Truppe und defensiver aufgestellte Mannschaft mit Spielern, die ihre Stärken in der Verteidigung haben und dort alles geben. Das heißt nicht, dass aus dem aktuellen Kader alle gehen sollen. Da waren auch Spieler, die in so ein Konzept super reinpassen. Auch hoffe ich, dass die Unterstützung weiterhin so überwältigend bleibt, wie zuletzt. Wenn wir dann erfolgreichen Basketball spielen, können wir zusammen und mit dieser Kulisse im Rücken viel erreichen. Da bin ich mir absolut sicher!

von Johannes Beyer